Überraschungsunentschieden gegen hohen Favoriten Ehrenfeld

Das Oberligateam des KSV Germania Krefeld hat am Samstagabend beim RC Ehrenfeld mit 20 : 20 eine zuvor kaum für möglich gehaltene Punkteteilung erreicht. Hier der Kampfbericht von Alex Jodas:

Eine wahre Berg-und Talfahrt der Emotionen erlebten wir am heutigen Kampftag in Ehrenfeld. Und am Ende waren beide Vereine zufrieden mit der Punkteteilung. Auch wenn dieser eine Punkt jeweils beiden Vereinen in der Tabelle nicht weitergeholfen hat. Denn Krefeld ist vom Verfolger Herdecke überholt worden und auf den Tabellenplatz 7 abgerutscht, Ehrenfeld ist von Oberforstbach abgehängt worden, auf den vierten Platz abgefallen. Trotzdem: das war ein klasse Kampftag mit Dramatik, Emotionen, und Adrenalin.

Wie konnte es dazu kommen?

Unsere Mannschaft steht heute wieder so schlecht, ich will heute eigentlich gar nicht mitkommen um mir das anzutun. Alex Wagner kann nicht antreten, Sohayb Musa, Rick Nürnberger Vitali Jeschke und Hasan Rahaal sind verletzt. Wir haben Probleme, überhaupt eine komplette Mannschaft zu stellen. Hank Weber erfährt 20 Stunden vor dem Kampf, dass er 5 Kilo abtrainieren muss. Aber er ist so diszipliniert, er schafft es bis auf den letzten Drücker, sich auf das Gramm genau mit 70 Kilo auf die Waage zu stellen.

Im Vorfeld komme ich mit einer älteren Dame ins Gespräch. Es stellt sich heraus, das sie die Großmutter von zwei Ehrenfelder Brüdern ist, die für Ehrenfeld ringen. Ich horche auf, kann man da vielleicht ein paar Insiderinformationen erfragen? Und tatsächlich, sie plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen. Ihr Enkel kann in der Mannschaft heute nicht antreten, weil er Schichtdienst hat. Ich bedanke mich für diese recht aufschlussreiche Information. Schließlich ist noch nicht gewogen worden, das sind „heilige“ Geheimnisse einer Mannschaft. Und ich stelle mich bei der Dame vor, dass ich zu der gegnerischen Mannschaft gehöre. Wir amüsieren uns über diesen Fauxpas, ändern können wir allerdings unsere Mannschaftsaufstellung aber eh nicht mehr.

Aber auch die Ehrenfelder stehen heute auch nicht in ihrer besten Aufstellung auf der Matte.

In der 57 Kiloklasse steht Emil Gozalov dem Ehrenfelder Muhammed Yildirim gegenüber. Emil hatte sich gegen seinen jugendlichen Widersacher im Hinkampf erst noch schwergetan, konnte ihn am Ende aber dennoch schultern.

Und auch heute liegt Emil gegen diesen starken Jugendlichen zurück, bei einem Durchdreher wird er abgefangen. Dann aber hat nur noch Emil das Sagen auf der Matte. Man kann sehen, die beiden sind Freistilkämpfer, sie stehen sich sehr tief gegenüber. Dennoch kann Emil die Hüfte von Yildirim umfassen. Ich denke, jetzt kommt der Überstürzer. Kommt aber nicht, denn der Ehrenfelder steht zu tief. Dann kommt eben der Kopfhüftzug. Vier Punkte, Jubel auf Krefelder Seite. Kurz vor der Pause zieht Emil eine Kopfschleuder. Hier erwischt Emil seinen Gegner kalt, der Ehrenfelder liegt platt auf der Schulter. Aber der Kampfrichter ist zu spät am Boden, um es zu sehen. Und schon flutscht der jugendliche aus der gefährlichen Lage. In der zweiten Halbzeit wird der Ehrenfelder wegen Passivität nochmal auf den Boden geschickt. Mir schwant hier nichts gutes, weil Emil hier vorher Punkte abgegeben hat. Aber diesmal packt er seinen Gegner „verkehrt“ um die Hüfte und hebt ihn aus. Und wie ein Greco Profi wandert er mit dem Ehrenfelder in den Armen zur blauen Zone, um ihn zu werfen. Und da ist sie, die Vierer Wertung die uns so frohlockt! Nach 5 Minuten beendet unser Mann mit technischer Überlegenheit den Kampf.

Nicht so schön anzuschauen ist der Schwergewichtskampf Talip Alkan gegen Ercan Jung. Talip ist überlegen, aber er schafft es Anfangs nicht, technische Wertungen zu erkämpfen. Den Armschulterzug zieht er nicht eng genug, hier kann er keine Punkte erzielen. Dann schiebt er seinen Gegner eben raus. Nicht besonders spektakulär. Aber immerhin bringt es Punkte. Wir wissen, das unser Talip nicht die beste Kondition hat. Aber sein Gegner hat eine noch schlechtere. Und so kann sich Talip in der zweiten Halbzeit an den Beinen seines Gegners bedienen. Jung kann vor Erschöpfung kaum mehr stehen. Eine halbe Minute vor Kampfende erlöst Talip seinen Gegner von seinen Qualen mit technischer Überlegenheit.

In der 61 Kiloklasse kämpft unser Dietrich Salamatin gegen Jean-Michel Hamian. Hier hat nur unser Mann die Hosen an. Er macht es wie immer, und er macht es gut: Er erkämpft sich den Fuß seines Gegners und wird Hintermann. Es ist nur unser Mann am Zug, der Ehrenfelder kann lediglich den Rückwärtsgang einlegen. Am Boden kann Salamatin mehrere lehrbuchmäßige Beinschrauben ziehen. Und so ist auch dieser Kampf vorzeitig technisch überlegen beendet.

Es steht 12:0 für Krefeld. Die Ehrenfelder sind total frustriert und glauben nicht mehr daran, dass da heute noch was drin ist für ihre Mannschaft. Zumal wir Krefelder normalerweise eine stärkere zweite Halbzeit haben.

Aber in der 98 Kiloklasse stellen wir keinen Gegner, Anton Sattler und Vitali Jeschke geben ihre Kämpfe gleich auf und Hank Weber verliert technisch unterlegen. Und jetzt steht es plötzlich 16:12 für Ehrenfeld!

Zum Glück kommt als nächstes Waldemar Schäfer gegen Markus Kurle, der die Krefelder Ehre in der 80 Kiloklasse wieder herstellt. Er macht es heute kurz. Als Kurle den Kopf von Waldemar klammert taucht unser Mann an die Hüfte von Kurle ab. Und dann geht alles ganz schnell, wie aus einem Guss kommen jetzt die Bewegungen. Dann fliegt auch schon Kurle. Er fliegt so rund und schön, hier kann man nur staunen, und entrückt sein vor Verzückung. Und jubeln. Das ist ein Wurf, den man ganz selten sieht, ich möchte sagen, hier ist Waldi der perfekte Wurf gelungen. Der ganz große Wurf. Und Waldi weiß, wie wichtig heute ein Sieg ist. So hält er Kurle in der gefährlichen Lage fest. Und beabsichtigt auch nicht, ihn da raus zu lassen. Er beendet den Kampf nach anderthalb Minuten mit einem Schultersieg. Jetzt ist wieder alles offen, Es steht 16:16 in der Mannschaftswertung.

In der 75 Kilo Griechisch Römisch Klasse tritt Ayoub Bolakhrif gegen Tim Stoll an. Ein Kampf, der mich ganz besonders interessiert. Diese Paarung haben wir bisher noch nicht gesehen, hier erwarte ich einen Kampf auf höchstem Niveau. Stoll war letztes Jahr zweiter bei den deutschen Meisterschaften und er hat dieses Jahr fast alle Kämpfe in der Oberliga gewonnen. Sogar den international erfahrenen ehemaligen Erstligaringer Sergiy Skrypka konnte er dieses Jahr bezwingen. Ayoub war letztes Jahr vierter bei den deutschen Meisterschaften und hat dieses Jahr auch die meisten seiner Kämpfe gewinnen können.

In der ersten Halbzeit ist es noch ein Kampf auf Augenhöhe. Hier dominiert Stoll vor allem mit Wertungen in der Bodenlage. Im Stand kann Ayoub seinen Gegner sogar an der Hüfte umklammern und überstürzen. Bis zur Pause steht es noch 8:4 für Stoll, hier ist noch alles drin für Ayoub. Die Nerven liegen wieder blank, vor allem bei den Ehrenfelder Fans, die dafür bekannt sind, auch mal gerne die Matte zu stürmen. Das geschieht heute nicht, was aber auch dem beherzten Vorgehen des Unparteiischen zu verdanken ist. Nach einigen Beleidigungen muss er zwei gelbe Karten und sogar eine rote Karte an Ehrenfelder Zuschauer verteilen. Langweilig wird es bei den Ehrenfeldern nicht, sie sind sehr hitzig. Ist das echt oder inszeniert? Wollen die Leute hier nur den Unterhaltungswert der Veranstaltung und damit die „Einschaltquoten“ steigern? Wäre eigentlich ganz schön raffiniert. Aber ich denke, das ist echt, sie sind mit ganzem Herzen dabei. Es ist eine Stimmung wie beim Catchen. Und dann macht man da mit: Man schimpft, man zetert, man johlt, man schreit, man kreischt man grölt. Kurz gesagt, man benimmt sich so richtig daneben. Hier darf man es. Das gehört hier sogar zum guten Ton. Das Adrenalin sprudelt munter. Es macht Spaß.

Aber Stoll ist ein harter Bursche, in der zweiten Halbzeit lässt er Ayoub sehr passiv aussehen, indem er ihn beidseitig aufzieht. Er kann bei unserem Mann sogar aus der Brustklammer einen Hüftschwung ziehen. Und als dann Ayoub wegen Passivität auf den Boden geschickt wird geschieht die Katastrophe: Ayoub kommt jetzt komplett unter die Räder, Stoll kann Ayoub mehrfach bis zur technischen Überlegenheit durchdrehen. Schade, Schade, das war es heute für uns, gewinnen können wir den Mannschaftskampf jetzt nicht mehr. Die Stimmung in der Halle ist jetzt natürlich bestens, die Ehrenfelder toben vor Begeisterung.
Mit einer so deutlichen Niederlage hätte ich in diesem Kampf nicht gerechnet, hier hatten wir eine knappe Niederlage erwartet.

Aber verloren ist für uns noch nicht alles, ein Unentschieden ist allemal noch drin.

Jetzt lastet die Entscheidung wieder auf den letzten Kampf, wird es unser Philipp Haeffner gegen Paschalis Stavridis wieder richten? Erst sieht es nicht so aus, der Ehrenfelder führt erst mal. Die nächsten Punkte erkämpft unser Mann. Aber aufgepasst, Stavridis ist kein Fallobst, er erzielt eine Viererwertung. Bis zur zweiten Minute ist der Kampf recht ausgeglichen, es steht 7:5 für Philipp. Aber dann dreht Philipp auf. Mit unermüdlichen Beinangriffen zermürbt er seinen Gegner. Dreieinhalb Minuten müssen wir zittern. Aber Philipp macht wieder einen professionellen Job und gewinnt technisch überlegen. Jetzt platzt es aus uns heraus, jetzt haben wir Grund zum Jubeln. Und wie wir jubeln, schließlich haben unsere Männer doch noch ein Happy End in diesem erst so aussichtslos erscheinenden Kampfabend erringen können. 20:20 endet das Ergebnis des Mannschaftskampfes.

Es gibt also keinen Verlierer, die Wogen haben sich geglättet. Jetzt haben sich wieder alle lieb.

Mit diesem Unentschieden haben wir die Möglichkeit der Ehrenfelder, bei dem letzten Kampf gegen Hohenlimburg, bei einen Sieg noch Ligameister zu werden, verbaut. Hiermit steht also Hohenlimburg als Oberligameister fest, mit den drei Punktgleichen Verfolgern Neuss, Oberforstbach und Ehrenfeld.

Wir haben den 7. Tabellenplatz sicher, können am letzten Kampftag theoretisch noch auf den sechsten Platz aufsteigen.